Wünsche in seeliger Zeit – Joachim Ringelnatz

17. Dezember 2011 at 12:40 pm (Allgemeines, Bücher, Gesellschaft, Uncategorized, Zu Hause)

Etwas weniger Friede, ein bisschen mehr Streit,
Etwas weniger Güte, ein bisschen mehr Neid,
Etwas weniger Liebe, ein bisschen mehr Hass,
Und nicht so viel Wahrheit, das wäre schon was!

Ein bisschen mehr Stress und weniger Ruh‘,
Ein bisschen mehr Ich und weniger Du,
Frust und Bedrückung statt immer nur Mut,
Und Trägheit statt Handeln, das wäre gut!

Trübsinn und Dunkel statt Freude und Licht,
Durst und Verlangen statt frohem Verzicht,
Kriechen und Schleichen satt heiterem Trab,
Und schließlich ein Plumps: Willkommen im Grab!

Ja, so wäre es schön! Und warum ist es nicht so?
Warum sind sogar unsere Nachbarn froh?
Weil du, Herr im Himmel, sie einfach so läßt!
Und das soll so bleiben? Oh, grausames Fest!

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Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose…..

10. Oktober 2011 at 1:59 pm (Allgemeines, Bücher, Gesellschaft, Uncategorized)

Wer kennt nicht die berühmte Zeile „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose…“ aus dem Gedicht „Sacred Emily“ von Gertrude Stein. http://www.lettersofnote.com/p/sacred-emily-by-gertrude-stein.html . Allerdings sind und waren nicht alle begeistert von Steins charakteristischem Stil der Wortwiederholungen, auch nicht die Verleger, denen sie trotz aller Kritik unerschütterlich und hartnäckig Ihre Werke zusandte. In dem berühmt gewordenen Absagebrief  nahm 1912 der Verleger A.C. Fields sarkastisch Steins Stil der Wortwiederholung auf und schrieb:

„Sehr verehrte gnädige Frau,

ich bin nur einer, nur einer, nur einer. Nur ein Mensch, einer zur Zeit. Nicht zwei, nicht drei, nur einer. Nur ein Leben zu leben, nur sechzig Minuten pro Stunde. Nur ein Paar Augen. Nur ein Hirn. Nur ein Mensch. Da ich nur einer bin, nur ein Paar Augen habe, nur eine Zeit habe, nur ein Leben habe, kann Ich Ihr Manuskript nicht drei- oder viermal lesen. Nicht einmal einmal. Nur ein Blick, nur ein Blick genügt. Kaum ein Exemplar ließe sich hier verkaufen. Kaum eins. Kaum eins.“

Gertrude Steins Glaube an sich selbst war allerdings unerschütterlich. „Ich bin ein Genie“, davon war sie überzeugt. Zu Recht. 

aus „Im Zimmer meines Lebens“, Edition Ebersbach

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Von Glatten und Krummen…

21. Februar 2011 at 1:40 pm (Allgemeines, Bücher, Gesellschaft, Politik, Uncategorized)

Es braucht die Glatten und die Graden
damit die Krummen und die Schiefen
auch einen Grund zum Klagen haben
dass sie zu glatt wär, diese Welt
und jedes Feld zu grad bestellt
und das wär schwerlich zu ertragen.


Es braucht die Glatten und die Graden

sie halten diese Welt in Schuss
mit all den Zäunen und all den Uhren
mit all dem Soll und all dem Muss.
Sie nehmen Maß mit Zoll und Faden
sie hängen einen toten Barden
und geben uns ein Feindbild ab.

Es braucht die Glatten und die Graden
denn wenn die Krummen und die Schiefen
auf dieser Welt das Steuer hielten
die Fahrt sie ging wir könnten wetten
mit Wucht direkt voll in den Graben.
Es braucht die Glatten und die Graden
damit die Krummen und die Schiefen
auch einen Grund zum Klagen haben.

aus „Tag der geschlossenen Tür“ von Rocko Schamoni

Übrigens: Rocko Schamoni liest am 17. Mai 2011 im Metro in Kiel. Nix wie hin!

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So viele Berichte. So viele Fragen.

18. Mai 2010 at 5:51 pm (Bücher, Gesellschaft, Politik, Uncategorized)

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte,
So viele Fragen.

Am Berliner Ensemble, Berlin

Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters" (Auszug)

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